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Fortsetzung
vom 18.12.04 - Das Christkind von Stijn Streuvels
Die Arme eins um des
andern Schulter geschlungen, beugten sie sich über die hölzerne Krippe
und verharrten in starrer Bewunderung. Das älteste Mädchen hatte ein
Tuch zurückgeschoben, und nun lag das Gesichtchen des Neugeborenen
frei. Sobald sie es gesehen hatte, wusste Veva nicht mehr, was rund um
sie her vorging, sie sah das Kindlein: ein ganz kleines Kindlein, Äuglein
und Mündchen zugekniffen, ein Gesichtchen, nicht größer als eine
kleine Faust... Sie sah es an und konnte sich nicht satt sehen daran.
Noch niemals hatte sie solch einen kleinen, kleinen Säugling gesehen,
und sie wagte erst nicht zu glauben, dass er lebte.
Die Pächterin kümmerte
sich um die Frau, die im Bett lag; sie murmelte ganz leise, während
Trese und Meetje Moeie die Bündel aufmachten. Aber Veva sah und hörte
nichts von alledem; sie fühlte sich in dem Besitze dessen, was ihr höchstes
Verlangen darstellte: nun war sie überzeugt, dass sie wirklich vor der
Krippe stand und das Jesuskind anschauen durfte; sie dachte keinen
Augenblick daran, dass es so ganz anders war, als sie es sich früher
vorgestellt hatte. Von der übernatürlichen Klarheit war hier nichts,
nichts von dem Glanze und dem Leuchten, die das göttliche Kind
ausstrahlen müsste, keine schwebenden Engel, kein himmlischer Gesang;
aber dies alles vermisste Veva nicht einmal, denn eine wunderbare
Klarheit strahlte aus ihrem eigenen Innern und erleuchtete alles, was
sie sah; und die ungewöhnliche Armut und Dürftigkeit der
vollgestellten muffigen Webkammer ließ sie unbewusst an den armen
kleinen Stall zu Bethlehem denken, wo der Wind frei durch die Löcher
blies. Die äußerst alltäglichen Dinge erschienen ihr alle so
wunderbar, dass sie noch immer Mühe hatte, sich zu überzeugen, dass es
kein Traum war, aber sie spürte zu deutlich die Haarlocken an ihren
Wangen, und gegen ihre Schultern stießen von beiden Seiten die
Schultern ihrer beiden kleinen Gespielinnen Lenchen und Trinchen, die
ebenso entzückt schienen wie sie selbst und in stummer Verwunderung vor
der Krippe standen.
Fortsetzung
: MORGEN |