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Fortsetzung
vom 20.12.04 - Das Christkind von Stijn Streuvels
Der Mann und das
alte Frauchen gaben der Pächterin und Trese bis vor die Haustür das
Geleit, dann wurde es vollkommen still im Kämmerlein. Veva bekam einen
Stuhl zum Sitzen, und nun standen die Mädchen zu beiden Seiten der
Krippe; sie strengten sich an, als hätten sie Nachtwache beim
Christkind zu halten. Meetje Moeie schlurfte auf Strümpfen hin und her,
legte Flachsfasern auf Feuer und rührte in der Pfanne. Der Mann war
nicht zurückgekommen und war sicher auch zur Christmette gegangen.
Lenchen und Trinchen wagten noch immer nicht zu sprechen, aus
Ehrerbietung oder aus Furcht, dass das Kindlein aufwachen könnte. Im
stillen war es Vevas innigstes Verlangen, das Kindlein wach zu sehen,
oder dass es doch einmal eines von seinen Äuglein öffnen möchte; es
schien aber ruhig weiterschlafen zu wollen. Wenn es geschah, dass Veva
flüchtig aufschaute, sah sie jedes Mal in da bleiche Gesicht und die
sanften Augen der mageren Frau mit dem nie weichenden Lächeln, die so
glücklich schien und fortwährend ihren Blick auf die drei Mädchen und
die Krippe heftete.
Veva wusste
eigentlich nicht, ob es sehr lange oder sehr kurz gedauert hatte, aber
es wunderte sie und sie erschrak, als sie an der Haustür ein Geräusch
hörte und Mutter schon zurückgekehrt war. „Komm nun, Kind, die Leute
wollen schlafen gehen und wir auch“, sagte die Pächtersfrau. Veva
stand wie angewachsen da; sie hatte die beiden Händchen auf den Rand
der Krippe gelegt, weil sie es nicht wagte, das Kind selbst anzurühren,
es fiel ihr schwer, die Hände wegzuziehen und Abschied zu nehmen. Vor
dem Fortgehen sah sie noch zum letzten Mal zum Krippchen, und siehe da:
nun bewegte sich etwas und das Christkind schien aufwachen zu wollen; es
öffnete die Äuglein und lächelte! Veva schoss das Blut zum Herzen, dass
es heftig zu klopfen begann und sie keinen Schritt vorwärts zu tun
wagte. Aber Mutter drängte: „Komm nur, es wird spät, die Leute
werden schon daheim sein!“
„Mutter,
Mutter!“ Veva wollte erklären, dass nun etwas Wichtiges bevorstehe,
aber die Pächterin begriff nicht, was ihr Töchterchen sagen wolle.
„Morgen darfst du noch einmal wiederkommen, wenn du dich ausgeschlafen
hast!“
Veva musste mit,
Trese legte ihr das Tuch um die Schultern und nahm sie an der Hand.
„Sag guten Abend, oder besser, guten Tag!“ Und plötzlich fiel ihr
etwas ein, und sie nahm den Faden wieder auf: „Schau, es ist wahr:
Gesegnete Weihnachten! Ich hatte vergessen, dass es schon Christtag
ist!“
„Gesegnete
Weihnachten!“ wünschten nun sie alle einander. Der Mann und Meetje
Moeie kamen bis zur Tür mit, um der Pächtersfrau zu danken; die Wöchnerin
rief vom Bett aus auch noch ihren Dank, worauf die junge Bäuerin sich
entschuldigte und versprach, am Tage noch das eine oder andere zu
schicken und alles für das Kindchen zu tun, was nötig war... „Ihr
werdet sehen!“ rief die alte Trese Meetje Moeie zu, „dies Christkind
bringt noch Glück ins Haus!“
Fortsetzung
: MORGEN |