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Fortsetzung
vom 21.12.04 - Das Christkind von Stijn Streuvels
Vevachen ging an
Treses Hand; sie hatte nicht gewagt, sich noch einmal nach der Krippe
umzusehen; auch fehlte ihr der Mut, Lenchen und Trinchen ihr Vorhaben
mitzuteilen; aber sie war fest entschlossen, alles, was sie zu
Weihnachten bekommen hatte, mit den Kindern zu teilen. Aber da erschrak
sie auf einmal: sie hatte vergessen, das Kindlein zu fragen, ob es im nächsten
Jahr zu ihnen auf den Hof kommen wolle! Sie wagte nicht zu bekennen, dass
sie das versäumt hatte, und es quälte sie wie ein großes Unglück...
In der nächtigen
Weite war es ganz still; noch immer überflutete eine seltsame Klarheit
die weiten weißen Felder, aber auf dem Schnee liefen schwarze
Menschengestalten, die aus der Kirche heimkehrten. „Mutter, darf ich
den Kindern morgen meine Weihnachtssachen bringen?“
„Ja, Kind.!
„Die Kinder haben
nichts bekommen, nicht wahr, Mutter?“
„Nein, nichts,
Veva!“
„Aber sie haben
das Christkindchen, Mutter!“
„Ja, sie haben das
Christkindchen“, sagte die Pächtersfrau, und es war Veva, als hätte
die Mutter bei diesem Worte schwer geseufzt. Und warum ließ Trese ein
mitleidiges „Ach Gott, das Kind!“ darauf folgen? Keins von den
dreien sprach ein Wort, wie sie so über den Schnee gingen, der fortwährend
unter den Füßen knirschte. Veva schaute aufwärts zu den Sternen, die
immer noch mächtig funkelten; ihr Herz war voll Freude und Angst, ihr
Gemüt gerührt von dem, was sie gesehen hatte. Das Geheimnisvolle des
Geschehens rund um sie her verstand sie nicht, und vielem, woran sie
dachte, vermochte sie weder einen Sinn noch eine Erklärung zu geben. Es
verlangte sie aber, sobald sie ausgeschlafen hätte, ihre Geschenke nach
dem Kätnerhaus zu bringen und die Freude all der Kinder mit ansehen zu
dürfen.
In der großen Diele
des Gutshofes war wieder Geräusch, Bewegung, Licht, Wärme und üppige
Geselligkeit in Fülle, wie am helllichten Tag. Der Kaffee duftete, die
mit Butter gestrichenen Schnitten vom Weihnachtsstollen lagen
hochgestapelt auf den Zinnschüsseln. Jedem Neueintretenden wurden
„Gesegnete Weihnachten“ gewünscht, und jeder nahm an der großen
Tafel Platz. Dann wurde die Flasche wieder hergeholt und die Gläser
wurden vollgeschenkt. Veva stand verlegen da wie in einem fremden Haus;
sie fühlte keine Lust, jemand etwas von dem mitzuteilen, was sie
geschaut hatte: immerfort guckte sie zur Mutter und Trese und hatte
Angst, dass eine von ihnen etwas davon erzählen könnte; sie wollte ihr
Glück verborgen halten. Als das Kind aus der kalten Luft plötzlich in
die Wärme kam, wurde es bald vom Schlaf überwältigt, und unwillkürlich
war es mit einem Stück Weihnachtsstollen in der Hand bei Tisch vor
Schlaf zusammengesunken; ohne dass sie es gewahrte, wurde sie
aufgepackt, ins Bett getragen und zugedeckt. Da lag das Kind in tiefem
Schlaf.
Fortsetzung : MORGEN |