Verirrt in den Bergen

 

Ausschnitt aus dieser Geschichte

 

Vor uns lag dick verschneit der Wanderweg, dessen Wegmarkierung nicht mehr zu erkennen war. Wären nicht tiefe Fußtritte von Wanderern, die vor uns den Gipfel bestiegen hatten, zu sehen gewesen, hätten wir vermutlich die Richtung hier schon verloren. Unentschlossen folgten unsere Augen dem Verlauf der Spuren auf dem Weg, der zudem auch noch begann steil anzusteigen. Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Umkehren? Wo wir schon bis hierhin gekommen waren?

Wir überlegten wohl ein längere Zeit, denn zwischendurch überholten uns andere Wanderer, die in ihren festen Bergschuhen scheinbar mühelos durch den Schnee den schrägen Hang hinauf kletterten.

Dann stand unser Entschluss fest. Wir wollten weiter, um jeden Preis. Um welchen – das war uns allerdings noch nicht bewusst. Durch die erstaunten oder leicht ironischen Blicke der Vorübergehenden auf unser Schuhwerk, fühlten wir uns nicht mehr so wohl in unserer Haut.

Gleich bei den ersten Schritten auf dem Schnee gingen wir – besonders mein Mann – wie auf Glatteis. Wir nahmen uns vor, unsere Füße in die Spuren unserer Vorläufer zu setzen, um so halbwegs sicher Halt unter den Fußsohlen zu bekommen und die Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. Leider war das leichter gesagt, als getan. Der Schnee war unter den Schritten der anderen Leute fest getreten und glatt. Dadurch packten unsere leicht besohlten Schuhe unsere gewagten Schritte nicht. Unwillkürlich rutschten wir wieder und wieder ab.

Nach einer kurzen Weile hatten wir alle anderen Bergwanderer aus den Augen verloren. Mit vereinten Kräften und eisernem Willen krochen wir mehr oder weniger auf allen Vieren den Hang hinauf. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war, als sich schließlich vor uns ein etliche Meter breites Schneefeld auftat, das rechts von uns steil nach oben zum Gipfel führte.

Erleichtert darüber, den ersten verschneiten Weg mehr recht als schlecht bewältigt zu haben, gönnten wir uns eine Pause. Mein Mann wollte unbedingt ein Erinnerungsfoto haben. Vorsichtig sicherte er sich einen Platz im dicken Schnee, indem er seine Füße quer in den  Boden stemmte. Er war dafür ein paar Schritte zur Mitte des Hanges gegangen, um ein optimales Bild zu bekommen. Um noch besser die Schräge fotografieren zu können, wagte er sich ein kleines Stück weiter den Hang hinunter. Vorsichtig – Schritt für Schritt – versuchte ich, mich ihm zu nähern. Ich ging quer auf dem Schneefeld und fand einigermaßen Halt.

Während die Bergwelt meinen Mann in seinem Bann hielt, blickte ich ein wenig misstrauisch um mich.

Ich schaute den Hang hinauf und fragte mich, wo die Leute, die uns vorher begegneten wohl geblieben waren. Es war niemand mehr zu sehen. Wir waren allein in dieser Schneelandschaft.  Obwohl wir schon eine beachtliche Höhe erreicht hatten, froren wir in unserer dünnen Kleidung noch nicht. Die Sonne schien zwar nicht mehr so intensiv wie am frühen morgen, es hatten sich ein paar Wolken gebildet.

Eine Weile hatte ich wohl so da gestanden, als ich zwei Wanderer bemerkte, die vom Gipfel kamen. Geistesgegenwärtig dachte ich bei mir, merk dir, wo es wieder nach unten geht.

So beobachtete ich die Beiden und sah sie einige Meter oberhalb von uns links abbiegen, um wieder ins Tal hinab zu steigen.

Der Weg nach unten lag also im Moment von unserem Standort aus gesehen auf der rechten Seite. Ich glaubte, es sei eine Kleinigkeit, den Weg wieder zu erkennen.

Inzwischen rief mein Mann mir zu, dass wir weiter gehen sollten, sonst würde es für uns zu spät mit dem Abstieg werden. Ich setzte mich daraufhin in Bewegung. Ganz behutsam auf allen Vieren kam ich voran. Ich drehte mich kurz nach meinem Mann um, weil ich wissen wollte, wie er vorwärts kam. Es schien zu gehen. Doch dann passierte es:

Gerade in dem Moment, wo ich mir mit der Fußspitze Halt verschaffen wollte, geriet ich plötzlich ins Rutschen. Schnell versuchte ich mich mit den Händen im Schnee abzustützen. Aber umsonst. Ich verlor jeglichen Halt und glitt ein längeres Stück den Hang hinunter.

Zu meinem ganz großen Glück war ich am Anfang schneller geklettert als mein Mann und hatte dadurch einige Meter Vorsprung. Diese paar Meter verschafften ihm jetzt die Möglichkeit, blitzschnell sich mir in den Weg zu stellen. Mit letzter Kraft gelang ihm das schier unmögliche. Er konnte tatsächlich meinen sich durch die Steilheit des Hanges bedingten beschleunigten Sturz in letzter Minute auffangen. Als ich auf ihn zu schoss, warf er sich vor mich und stoppte somit meinen Absturz. Benommen vor Schreck und nicht beschreibbarer Panik verharrten wir einige Augenblicke. Aber dennoch hatten wir unser Ziel noch fest vor Augen. Zum Glück tat mir nichts weh als ich aufstand. Erleichtert darüber wollten wir unseren Weg nun fortsetzen. Aber immer wieder rutschten wir tiefer ab, ohne überhaupt wieder höher zu kommen. Dadurch erschien uns der Hang auf einmal in seinem  Aussehen völlig fremd. Da uns der Schnee gnadenlos jegliche Markierungen verdeckte, erkannten wir nicht mehr den Seitenweg, von dem wir aus das große breite Schneefeld betreten hatten. Mühsam versuchten wir so viel Halt wie möglich zu finden, um nicht noch weiter abzurutschen. Mit größter Vorsicht kamen wir wieder den Hang ein paar Meter hinauf.

Vor uns breitete sich das Schneefeld in seiner ganzen Pracht aus. Ich suchte angestrengt den Weg, der rechts von uns wieder  nach unten ins Tal führte. Bestürzt stellten wir fest, dass wir ihn beide nicht mehr fanden. Durch unser ständiges Rutschen befanden wir uns vermutlich weit unterhalb der von uns gesuchten Stelle und konnten sie daher nicht ausmachen. So vermuteten wir, vielleicht auf der ganz falschen Spur zu sein und versuchten, so gut es ging, zu einem benachbarten Schneefeld zu kommen, von dem wir irrtümlich glaubten, abgekommen zu sein. Zu unserem Entsetzen gelang es uns nicht, auf dieses Schneefeld zu wechseln, weil die beiden Hänge durch einen Abgrund getrennt waren. Wir waren aber davon überzeugt, gerade aus diesem Gelände gekommen zu sein.

Inzwischen zeigten sich zu allem Überdruss am Himmel bedrohlich dunkle Wolken, ein leichtes Grollen in der Ferne kündigte ein nahendes Gewitter an.

Obwohl wir beide innerlich von Panik ergriffen waren und die Orientierung inzwischen verloren hatten, blieben wir nach außen ruhig und jeder bemühte sich weiter aufwärts zu klettern.

Unsere letzte Stunde ist gekommen, das dachten wir, als es noch leicht anfing zu regnen und dem Grollen in der Ferne schon ein paar Blitze folgten.

Wir brachten die besten Voraussetzungen mit: Schnee unter den Füßen und über uns Regen und Gewitter. Schlagartig kühlte es mächtig ab. Von einem Moment zum anderen bildete sich auf unseren Armen eine dicke Gänsehaut. Unsere Angst war nicht zu beschreiben, jeden Moment hätte  uns auf dem Schnee ein Blitzschlag treffen können.

Beinahe schon mechanisch arbeiteten wir uns weiter vor, stets den Gedanken im Hinterkopf, hier findet uns keiner.

 

© Helga Salfer